Der Präsident von METALL NRW, Arndt G. Kirchhoff, und der Bezirksleiter der IG Metall NRW, Knut Giesler, im Doppelinterview in der Rheinischen Post vom 13.09.2017

Fernduell der Metall-Tarifpartner

Düsseldorf. Der Chef der IG Metall NRW und der Präsident des Arbeitgeberverbands Metall NRW über die anstehende Tarifauseinandersetzung.

Morgen wird die IG Metall offiziell den Startschuss für die wichtigste Tarifverhandlung 2017 geben: Die Forderungsempfehlung markiert den Auftakt der Verhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie 2017. Doch schon einen Tag zuvor liefern sich die Verhandlungsführer für NRW, Knut Giesler (IG Metall) und Arndt Kirchhoff (Metall NRW), in unabhängig voneinander geführten Interviews einen Schlagabtausch.

Hier das Interview mit Präsident Arndt G. Kirchhoff:

Herr Kirchhoff, die Stimmung in der Metall- und Elektroindustrie ist glänzend. Die Auftragsbücher sind voll. Das dürfte bei den Arbeitnehmern Begehrlichkeiten wecken.

Kirchhoff Wir haben eine ähnliche Situation wie bei der vergangenen Tarifrunde. Die Beschäftigungssituation ist gut, die Auslastung auch, die Gewinne sind stabil. Aber es gibt weiterhin 25 Prozent in der Branche, die weniger oder nichts verdienen. Auf die müssen wir Rücksicht nehmen. Und das Umfeld wird immer schwieriger.

Was meinen Sie genau?

Kirchhoff Brexit, Protektionismus, Eurokrise, die Lage in der Türkei, die drohende Auseinandersetzung in Asien - all dies macht uns Unternehmer vorsichtiger. Das sehen Sie auch an der anhaltenden Investitionsschwäche im Inland.

Ab welcher Forderungshöhe wird es kritisch für die NRW-Unternehmen?

Kirchhoff Die Arbeit darf auf keinen Fall teurer werden. Die Gewerkschaft sollte nicht mit überzogenen Beträgen die Spielräume so sehr einengen, dass uns das Geld für die wirklich wichtigen Dinge fehlt: Wir müssen nicht nur in die Digitalisierung investieren, sondern auch unsere Belegschaften fit für die neue Art des Arbeitens machen. Die Nebenkriegsschauplätze, die die IG Metall gerade aufmacht, sind deshalb wenig hilfreich.

Sie spielen auf die qualitative Forderung der IG Metall an. Sie will für bestimmte Gruppen die Arbeitszeit auf 28 Stunden pro Woche absenken - und das bei einem Lohnausgleich und einem Rückkehrrecht in Vollzeit.

Kirchhoff Ich kann verstehen, dass die Beschäftigten mehr Einfluss auf ihre Arbeitszeit haben wollen. Aber Flexibilität darf es nicht nur in eine Richtung geben. Die Betriebsnotwendigkeit muss den Takt vorgeben. Es muss schon gearbeitet werden, wenn die Aufträge da sind. Ansonsten liefert der Konkurrent. Das bedeutet, auch die Belegschaft muss viel flexibler werden.

Es gibt aber auch Grenzen, die Ihnen das Arbeitszeitgesetz vorgibt.

Kirchhoff Auch der Gesetzgeber ist gefragt. Die Ruhezeiten-Regelung entspricht nicht mehr der Realität. Natürlich müssen Schichtarbeiter und Fahrer ihre Pausen ordentlich einhalten, sonst wird es lebensgefährlich. Aber wenn ein Beschäftigter abends noch rasch eine Mail an den US-Kunden schickt und morgens früh eine E-Mail aus China beantwortet, sind Leib und Leben nicht in Gefahr. Aber auch die IG Metall muss anerkennen, dass wir da mehr Flexibilität benötigen.

Und wie wollen Sie das bei den Tarifverhandlungen durchsetzen? Stellen Sie die 35-Stunden-Woche infrage?

Kirchhoff Nein, sie bleibt die Basis. Die Arbeitnehmer sollen ein verstetigtes Einkommen erhalten, auf das sie sich verlassen können. Aber wir wollen Regeln, dass die Arbeitszeit einfacher um die 35 Stunden herum pendeln kann. Wenn mehr anfällt, muss mehr gearbeitet werden, wenn weniger da ist, kann weniger gearbeitet werden. Die IG Metall klammert die Mehr-Arbeit bei ihrer Forderung aber bewusst aus und will stattdessen, dass wir für nicht geleistete Arbeit bezahlen. Das aber verletzt das Prinzip von Leistung und Gegenleistung. Und das geht nicht.

Die Forderung, dass man zur Pflege eines Angehörigen kürzer tritt, ist aber nachvollziehbar.

Kirchhoff Das ist doch in vielen Betrieben längst gelebte Praxis. Wenn da ein Notfall in der Familie auftritt, dann reduziert der Beschäftigte. Die Kollegen fangen das auf. Für solche Fälle kann man Regeln im Betrieb finden. Das muss nicht umständlich tarifiert werden.

Reden wir über die Kosten: Wie viel müssten die Arbeitgeber in die Hand nehmen, um die Absenkung der Wochenarbeitszeit zu stemmen?

Kirchhoff Das haben wir detailliert gar nicht ausgerechnet, weil es darum auch gar nicht geht. Aber eines ist doch klar: Unsere Branche zahlt die höchsten Tariflöhne in ganz Deutschland - allein in NRW durchschnittlich 55.000 Euro im Jahr. Wir müssen aufpassen, dass das gegenüber anderen Branchen nicht aus dem Ruder läuft. Die Lohnunterschiede sind zum Teil immens.

Die IG Metall hat angekündigt, notfalls ihre Forderung mit Streiks durchzusetzen. Für wie glaubwürdig halten Sie solche Droh-Szenarien?

Kirchhoff Das ist eine Frage des Gestaltungswillens und des Selbstbewusstseins der Gewerkschaft, mit uns sozialpartnerschaftlich zu einer Lösung zu kommen. Ich finde, Streiks mit Trillerpfeifen und wehenden Fahnen sind da völlig überflüssig.

Bis wann wollen Sie mit den Tarifverhandlungen fertig sein?

Kirchhoff Wir sollten Anfang des Jahres zügig fertig werden und uns 2018 anderen wichtigen Themen wie der Digitalisierung widmen.

 

Autor: Maximilian Plück

Quelle: Rheinische Post - http://www.rp-online.de/wirtschaft/unternehmen/knut-giesler-und-arndt-kirchhoff-fernduell-der-metall-tarifpartner-aid-1.7077090