Süddeutsche Zeitung: "Die Zeiten werden eindeutig ruppiger" - 1.10.2019

Metall-NRW-Präsident ArndtG. Kirchhoff spricht im Interview mit der Süddeutschen Zeitung über die Konjunktursorgen vieler Firmen und die Chance, sich mit der IG Metall auch künftig auf Tarifverträge zu einigen.

SZ: Herr Kirchhoff, Wirtschaftsforscher und Verbände sorgen sich wegen der Konjunktur. Wie läuft's denn bei Ihnen?

Kirchhoff: Eigentlich ganz gut. Das liegt vielleicht auch daran, dass wir auf allen fünf Kontinenten aktiv sind. Und wir sind ja nicht nur Zulieferer, sondern bauen auch Müllautos und Kehrmaschinen. Dort ist die Auftragslage hervorragend. Die Debatten um Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit sind da wie Rückenwind für uns. Als Zulieferer in der Autoindustrie haben wir, wie viele andere auch, Gegenwind, aber der hat sich seit Längerem abgezeichnet. Handelskonflikte, Brexit, Türkei, das bleibt nicht ohne Auswirkungen. Wir können nur hoffen, dass wir nicht vor einer längeren Zwischeneiszeit stehen. Wobei man sagen muss: Wir haben jetzt zehn Jahre lang Aufschwung erlebt. Es musste jetzt einfach mal etwas kühler werden.

SZ: Ach, wirklich?

Kirchhoff: Irgendwann stoßen Sie auch an Kapazitätsprobleme. Nehmen Sie den Arbeitsmarkt. Amerika ist vollbeschäftigt, Europa in großen Teilen auch, in Deutschland, in Polen, Tschechien oder Ungarn finden Sie oft überhaupt niemanden mehr. So schnell, wie Sie da Leute bräuchten, könnten Sie niemanden zuwandern lassen.

SZ: So entspannt redet sonst kaum jemand.

Kirchhoff: Na ja, im Autoabsatz gibt es einen Rückgang von zwei, drei Prozent. Das würde ich noch nicht als dramatisch bezeichnen. Was es sehr wohl gibt: sehr viel Unruhe wegen der digitalen Transformation. Mobilitäts- und Energiewende gleichzeitig. Da fragen sich viele Unternehmer, worauf sie eigentlich setzen sollen: auf welche Antriebsart, auf Smart cars, auf Car-Sharing-Modelle, auf autonomes Fahren? Wie schnell kommt da was? Ich selbst hab' es da vielleicht etwas besser: Mein Unternehmen baut Karosserie und Fahrwerk. Beides brauchen Sie immer, unabhängig von smart oder autonom. Insgesamt müssen wir aber aufpassen, dass wir nicht weiter Ängste schüren. Die Menschen haben schon genug Angst. Wir müssen ihnen auch von den Chancen erzählen, nicht nur von den Nachteilen. Das haben wir beim Verbrennungsmotor schon viel zu sehr gemacht: Da fallen künftig soundso viel Teile weg, wenn er durch den Elektromotor ersetzt wird. Stimmt ja alles. Aber es entstehen auch neue, hoch spannende Arbeitsplätze. Das muss man positiv begleiten.

SZ: Falls der Boom nun endet, müsste der Tarifvertrag, den Sie 2018 mit der IG Metall geschlossen haben, ein Segen sein.

Kirchhoff: Wieso das?

SZ: Weil er den Arbeitnehmern die Chance gibt, mehr Freizeit statt mehr Geld zu wählen oder zeitweise in Teilzeit zu wechseln.

Kirchhoff: Ach so. Also, was die Höhe des Abschlusses betrifft, ist er nicht unbedingt ein Segen: 4,3 Prozent plus, außerdem zwei jährliche Zusatzzahlungen. Ich beklage das nicht. Aber Fakt ist: Auch, wenn die Konjunktur in den letzten zehn Jahren gut lief, hatten wir zum Teil sehr hohe und deshalb nicht alle zufriedenstellende Abschlüsse.

SZ: Wenn Arbeitnehmer lieber frei wollen als mehr Geld, kommt das Ihnen bei Auftragsrückgang doch sehr entgegen.

Kirchhoff: Diese Wahlmöglichkeit mag hier und da etwas lindern. Ich fürchte nur, ein paar - übrigens voll zu bezahlende - freie Tage für einige Arbeitnehmer werden die Probleme nicht lösen, vor denen wir stehen. Wir brauchen Frieden zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaft, müssen ihn aber auch unter den Arbeitgebern wiederherstellen.

SZ: Sie spielen darauf an, dass viele Arbeitgeber seit Langem mit Tarifverträgen und speziell mit dem jetzigen hadern.

Kirchhoff: Viele kleine Mittelständler sagen, der Tarifvertrag sei zu kompliziert. Zudem hat die IG Metall Infoveranstaltungen gemacht, während der Arbeitszeit. Und dabei nicht immer fair gespielt. Unsere Mitarbeiter mussten mitunter den Eindruck haben, jeder könne wählen: mehr Geld oder mehr Freizeit? Dabei gilt das nur für bestimmte Mitarbeiter in Schichtarbeit oder solche, die Kinder oder kranke Eltern betreuen müssen. So etwas erzeugt Unfrieden.

SZ: Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger erweckt gern den Eindruck: Die jüngsten Tarifverträge wurden den Arbeitgebern im Grunde mit Streiks abgepresst.

Kirchhoff: Ich verstehe das als Warnung für die nächste Tarifrunde, denn die Zeiten werden eindeutig ruppiger. Wir hatten jetzt jahrelang nur Jubelmeldungen zur Konjunktur. Da haben unsere Mitarbeiter auch ein größeres Stück vom Brötchen abgekriegt.

SZ: Manche in Ihrem Lager sagen: Die Tarifrunde im Frühjahr wird entscheiden, wie viele Betriebe sich noch an den Flächentarifvertrag halten wollen oder aussteigen.

Kirchhoff: Das ist vielleicht der Zeitgeist. Dabei sind wir mit Kooperation und Konsens in diesem Land wohlhabend geworden. Und nun werden überall in der Gesellschaft Systemfragen gestellt: Enteignungen auf dem Wohnungsmarkt? Reichenbesteuerung? Und in der Tarifpolitik offenbar genauso. Ist noch richtig, was lange richtig war? Ich wünsche mir, dass wir Tarifpartner wieder ein gemeinsames Grundverständnis entwickeln und Marketing für uns machen. Wir brauchen beide mehr Mitglieder, die IG Metall und wir in den Arbeitgeberverbänden auch. Und zwar die richtige Mitgliedschaft, nicht die, die so halb draußen ist ...

SZ: ... also nicht die in der Verbandsabteilung, die ohne Tarifbindung arbeitet.

Kirchhoff: Wir setzen nicht auf Mitglieder ohne jede Tarifbindung. Wir müssen mit der Gewerkschaft moderne, modulare Tarifverträge entwickeln. Das heißt, ein kleiner Betrieb könnte zwischen verschiedenen Tarifoptionen wählen, ohne die Tarifbindung aufzugeben. Das ist keine Rosinenpickerei, sondern schlicht mittelstandskompatibel. Die Verhältnisse zwischen kleinen, mittleren Betrieben und Großindustrie sind nun mal sehr unterschiedlich, darauf müssen wir mehr Rücksicht nehmen.

SZ: Tarifsteigerungen, Zuschläge und Arbeitszeiten werden stets im Paket ausgehandelt. Wenn sich ein Unternehmen künftig eine Rosine herauspickt und andere ignoriert, hat das nichts mit Tarifbindung zu tun.

Kirchhoff: Es muss natürlich Spielregeln geben. Worum es mir geht: dass Konflikt- wieder zu Sozialpartner werden. Das kann zum Beispiel heißen, dass wieder mehr Vereinbarungen als bisher Geschäftsleitung und Betriebsrat überlassen werden, anstatt dass die Verbände alles im Detail regeln. In der Hinsicht müssen wir den Flächentarifvertrag renovieren.

SZ: Arbeitsminister Hubertus Heil will das Kurzarbeitergeld neu regeln - und Ihnen die Sozialversicherungsbeiträge erstatten, sofern Sie Ihre Kurzarbeiter in der Zeit weiterbilden. Wie finden Sie das?

Kirchhoff: Was wir wirklich nicht brauchen, ist irgendein aufgeblähter staatlicher Weiterbildungsapparat. Wenn aber die Zeiten härter werden, wovon ich ausgehe, wäre es gut, wenn der Arbeitsminister die Kurzarbeitergeld-Regelungen aus den Jahren 2008 bis 2010 wieder in Kraft setzen würde. Sie haben uns damals in der Krise geholfen und Entlassungen verhindert.

(Quelle: Süddeutsche Zeitung / Interview: Detlef Esslinger)