"Ich ziehe auch ohne Gewehr los"

Die WELT AM SONNTAG hat Egbert Neuhaus, Chef des Haushaltswarenherstellers Wesco und Vize-Präsident von METALL NRW, in seinem Jagdrevier begleitet.

11.04.2018

Egbert Neuhaus muss auf jeden Schritt achten. Denn der Boden in diesem Teilstück des rund 200 Hektar großen familieneigenen Jagdreviers im Arnsberger Wald ist sumpfig. Die Wildschweine mögen das, weiß der Geschäftsführende Gesellschafter des Haushaltswarenherstellers Wesco. Der 64-Jährige beobachtet an dieser Stelle gerne aus dem Hochsitz, wie sich die scheuen Tiere im Schlamm suhlen. Auch an diesem Morgen müssen wieder ein paar von ihnen hier gewesen sein, davon zeugen die frischen Kot-Spuren auf dem feuchten Untergrund. Und sie waren nicht alleine: Auch Hasen und Sikawild haben ihre Hinterlassenschaften dagelassen.

WELT AM SONNTAG: Scheint eine gute Stelle für Jäger zu sein, Herr Neuhaus.
Egbert Neuhaus: Eine sehr gute sogar. Selbst am Nachmittag kann man hier oftmals noch Tiere sehen.
Dann muss Ihre Trophäenwand prall gefüllt sein.
Ich bin kein Trophäensammler. Bei uns zuhause hängt gar kein Geweih und in unserer Jagdhütte sind es auch nur ein paar ausgewählte Geweihe. Es muss schon eine besondere Geschichte geben, die das Tier und mich verbindet.
Zum Beispiel?
Letztens hat man mir berichtet, dass ganz in der Nähe ein Hirsch angefahren wurde. Den habe ich dann mit Mühe gefunden und von seinen Qualen erlöst. Die Knochen der Vorderläufe waren abgetrennt. Dieses Geweih habe ich aufgehängt. Ansonsten sind es einige wenige Tiere von besonderen Jagdausflügen, etwa in die schottischen Highlands, in die Alpen oder in die Karpaten in Rumänien. Ich bin ohnehin nicht der typische Jäger.
Warum?
Weil ich oft auch ohne Gewehr losziehe. Ich bin mittlerweile in einem Alter, in dem Beute zweitrangig ist. Ich nehme auch nicht mehr oft an Treibjagden teil. Stattdessen gehe ich gerne in den Wald und beobachte die Tiere einfach nur. Das ist mein Ding, um zur Ruhe zu kommen und einen klaren Kopf zu kriegen. Ich denke dann über Gott und die Welt nach und reflektiere. Klassisch zur Jagd gehe ich vielleicht noch fünf- oder sechsmal im Jahr.
Was schießen Sie dann?
Meist Wildschweine, aber auch Rehe und Sikawild. Das ist eine Hirschart aus Asien, die seit einigen Jahrzehnten im Arnsberger Wald heimisch ist.
Was passiert mit dem Fleisch?
Das nutzen wir für die Koch- und Grillschule der Villa Wesco. Wir haben mittlerweile über 180 Kurse pro Jahr. Da ist der Bedarf entsprechend groß. Und Wild-Steaks vom Grill sind eine Delikatesse, kann ich Ihnen sagen. Das Fleisch lassen wir von einem befreundeten Metzger zuschneiden. Früher habe ich die Tiere noch selbst ausgenommen und filetiert, das lernt man mit dem Jagdschein. Mittlerweile sind die behördlichen Vorgaben aber so streng, das kann ich als Privatmann kaum erfüllen.
Seit wann sind Sie Jäger?
Seit frühester Kindheit. Mein Vater hat mich schon mitgenommen als ich noch ein kleiner Junge war. Oft haben wir mit der Familie das ganze Wochenende in unserer Jagdhütte verbracht, gerne auch mit Freunden. Das ging etliche Jahre so. Oftmals gab es abends Cola und ein halbes Hähnchen für uns Jungs. Und fünf Mark für die Hilfe als Treiber. Mit dieser Zeit verbinde ich viele schöne Erinnerungen, nicht zuletzt ein tiefes Gemeinschaftsgefühl über die Generationen hinweg. Ich bin also mit der Jagd groß geworden. Logisch, dass man dabei automatisch ins Thema reinwächst. Mit 16 habe ich dann den Jugendjagdschein gemacht und meinen ersten Bock geschossen.
Das gefällt nicht jedem. Haben Sie Verständnis für den Ärger von Jagdgegnern?
Ich nehme das zur Kenntnis und diskutiere auch gerne mit denen. Leider ist das aber nur noch selten möglich. Denn es gibt mittlerweile sehr viele Ideologen, die an Argumenten gar nicht interessiert sind. Dabei trifft deren Kritik oftmals nicht den Kern.
Dann kommt jetzt Ihre große Chance…
Die Leute wollen heute wie selbstverständlich im Wald Joggen und Radfahren. Damit das gefahrlos möglich ist, braucht es aber ein Gleichgewicht beim Wildtierbestand. Und dafür sorgen die Jäger. Sie tragen Verantwortung für Flora und Fauna. Denn zu viele Tiere können nicht nur für den Menschen vor Ort bedrohlich sein, sie sind auch eine Gefahr für Bäume und Pflanzen. Für die einzelnen Bestände gibt es dabei staatliche Vorgaben, sämtliche Abschüsse sind streng reglementiert. Wenn uns also jemand sinnlose Ballerei unterstellt, ist das schlichtweg dumm. Und auch der Vorwurf der Tierquälerei greift nicht. Letztlich ist die Jagd sogar das genaue Gegenteil: eine äußerst humane Art der Tötung. Die Tiere leiden nicht und haben keinerlei Stress, anders als die Kühe und Schweine im Schlachthof. Wer beim Metzger Wild kauft, kann guten Gewissens sein und noch dazu sicher, dass dieses Fleisch nicht aus Massentierhaltung stammt.
Wann gehen Sie das nächste Mal auf die Jagd?
Ich lasse mir noch ein wenig Zeit. Die Saison hat zwar kürzlich am 1.April offiziell begonnen und im Mai geht dann auch der Bock auf. Trotzdem werde ich wohl vor Juni nicht losziehen. Dann ist es nochmal wärmer und schöner in aller Herrgottsfrühe im Wald und die Tiere habe ihr Winterfell komplett abgelegt. Wahrscheinlich ziehe ich beim ersten Mal mit meinem Sohn los. So wie ich das Jagen von meinem Vater gelernt habe, hat er es von mir gelernt. Es ist schön, wenn man etwas weitergeben kann.
Gilt das auch fürs Unternehmen?
Wieso?
Naja, Sie sind 64. Sie könnten auch in Rente gehen.
Könnte ich. Ein paar Jahre mache ich aber noch. Denn ich fühle mich fit und habe nicht das Gefühl, der Hemmschuh im Unternehmen zu sein. Mit 70 werde ich aber aufhören. Das ist hiermit angekündigt und darauf lasse ich mich dann auch festnageln. Und ja: Mein Sohn Hendrik soll mein Nachfolger werden, das ist bereits besprochen. Wesco bleibt ein Familienunternehmen. Aktuell ist er Entwicklungsleiter bei uns, davor hat er unseren Standort auf Mallorca aufgebaut. Hendrik kriegt das gut hin.
War für Sie selbst eigentlich immer klar, dass Sie Unternehmer werden wollen?
Ich hatte damals auch andere Berufswünsche: Diplomat zum Beispiel oder Journalist. Aber letztlich lag es auf der Hand, dass ich in den Familienbetrieb einsteige. Und ich habe es auch nie bereut. Man hat dadurch ein relativ selbst bestimmtes Leben.
Wesco produziert seine bekannten Mülleimer und Haushaltswaren größtenteils in Deutschland, vieles davon in Handarbeit. Wie schaffen sie das?
Indem wir alles ausschöpfen, was technisch möglich ist. Wir hatten zum Beispiel schon früh Roboter fürs Handling in der Fertigung. Und es werden immer mehr. Heute heißt das Industrie 4.0, früher schlicht Automatisierung. Natürlich geht das nur bis zu einem gewissen Grad. Anschließend kommt dann die hohe Expertise unserer Mitarbeiter zum Tragen. Dadurch erreichen wir eine Verarbeitungsqualität, die ihresgleichen sucht. Dazu kommt das unverwechselbare Design. Made in Germany ist bei uns noch ein Versprechen. Dafür bezahlt der Konsument dann auch gerne etwas mehr Geld.
Ihr Hauptprodukt sind Mülleimer. Was lässt sich daran immer neu erfinden?
Wir erfinden den Mülleimer gar nicht neu. Wie auch? Das grundsätzliche Prinzip bleibt ja gleich. Was wir aber regelmäßig verändern, sind Größe, Form und Farbe. Nehmen Sie den Pushboy. Den haben wir vor fast 30 Jahren auf den Markt gebracht. Damals gab es in Deutschland ausschließlich kleine Mülleimer, warum auch immer. Ich kam gerade zurück aus Amerika und war es von dort anders gewohnt. Also haben wir einen großen Abfallsammler für den deutschen Markt entwickelt – und die Zahlen gingen durch die Decke. Die Leute haben offenbar darauf gewartet. Heute, in Zeiten der Single-Haushalte, geht der Trend wieder in die andere Richtung und die Mülleimer müssen kleiner werden. Das zu erkennen und in Produkte umzusetzen, ist unser Geschäft.
Wie und wo erkennen Sie solche Trends?
Inspiration hole ich mir auf Reisen, auf Messen und Ausstellungen oder schlichtweg durch Beobachtungen im Alltag. Denn Anregungen können von allem und jedem kommen. Vor einigen Jahren war ich zum Beispiel auf einer Pop-Art-Vernissage und völlig fasziniert von den Farben. Daraufhin haben wir unsere Mülleimer, Brotkästen und Ostschalen auch knallbunt gestaltet – und mittlerweile ist das Standard in der Branche. Oder wir waren mal im Urlaub in Florida und haben dort auch das Raumfahrtzentrum Cape Canaveral besucht. Noch vor Ort kam mir die Idee für den Spaceboy, das ist ein Mülleimer in Raketenform. Und auch der hat funktioniert: Noch heute gehört er zu den Bestsellern im Sortiment. Vor allem in Asien ist er sehr beliebt.
Aus welcher Beobachtung folgt die Idee von einem eigenen Laden auf Mallorca?
Was ist daran abwegig? Letztlich gehen wir nur dahin, wo unsere Kunden Urlaub machen. Unsere Hauptabsatzgebiete sind West- und Nordeuropa. Und alleine von dort fliegen jedes Jahr zehn Millionen Touristen nach Mallorca. Dazu kommen die Residenten mit Wohneigentum. Das sind etwa 100.000 auf der Insel. Auch das ist genau unsere Zielgruppe. Denn die müssen sich ja einrichten.
Sie verkaufen grenzüberschreitend. Wie groß ist derzeit Ihre Angst vor einem Handelskrieg?
Ziemlich groß. Okay, Europa ist aktuell von den Strafzöllen der Amerikaner ausgenommen. Aber die Frage ist doch: Für wie lange? Denn Trump fällt in Kürze sicher wieder etwas Neues ein und dann ändert er seinen Kurs zum x-ten Mal. Die ganze Form seiner Politik ist geradezu absurd. Der weltweite Handel ist ein fein austariertes Geflecht aus Geben und Nehmen. Das lässt sich nicht mal eben ändern, weil es einer einzelnen Person opportun erscheint. Das sind gewachsene Beziehungen, die Trump gerade mit Füßen tritt. Und das kann gefährlich werden, gerade für einen Mittelständler wie wir es sind. Denn Unternehmen unserer Größenordnung sind auf den freien Welthandel angewiesen. Die weitgehende Zollfreiheit sichert unsere Wettbewerbsfähigkeit und lässt genügend Raum und Geld für Innovationen.
Wie sollte sich die Bundesregierung verhalten?
Für die Bundesregierung ist diese Situation mehr als undankbar. Sie muss einen Mittelweg finden zwischen Freund und Feind und gemeinsam mit der Europäischen Union beharrlich versuchen, eine weitere Eskalation zu verhindern. Die nämlich bezahlen wir am Ende alle mit unserem Wohlstand, egal ob in Amerika, in China oder in Europa. Wichtig ist, dass der Dialog nicht abreißt. Politische Marschroute muss aus meiner Sicht immer der Ausgleich sein. Das gilt sowohl für die große Weltpolitik als auch für mich persönlich und mein politisches Engagement, etwa in Tarifverhandlungen, an denen ich für die Metall- und Elektroindustrie seit mittlerweile zehn Jahren beteiligt bin. Dort geht es um einen gesellschaftlichen Konsens. Und der ist aus meiner Sicht der große Stabilitätsanker in Deutschland.
Die Tarifkonflikte scheinen wieder heftiger zu werden. Ist diese Stabilität in Gefahr?
Die Scharmützel werden wieder heftiger, das stimmt. Die Gewerkschaften sind aggressiver als noch in den vergangenen Jahren. Aktuell sehen wir das bei der Auseinandersetzung im öffentlichen Dienst. Aber auch in der Metall- und Elektroindustrie war das zuletzt so, insbesondere wegen der geforderten 28-Stunden-Woche. Ich kann mich in meiner Amtszeit nicht an härtere Gespräche erinnern. Aber: Die Auseinandersetzungen sind allesamt systemimmanent. Hier brennen deswegen keine Autos. Die Art der Lösungsfindung ist noch immer vergleichsweise rational. So heftig auch gerungen wird, am Ende wollen alle Seiten einen Kompromiss finden. So stelle ich mir ein funktionierendes gesellschaftliches Leben vor. Die letzten Verhandlungstage und -nächte können daher auch Spaß machen.
Die letzte Nacht ist doch Show. Sie sind abends um acht Uhr fertig, dürfen aber erst tief in der Nacht übermüdet rauskommen, damit es nach besonders harten Gesprächen aussieht.
Das denken viele. Aber weit gefehlt: Das ist kein Schauspiel. Natürlich wird schon viel vorverhandelt. In der letzten Nacht geht es aber um den Lohn. Und da weicht keiner einfach so zurück. Das ist ein hartes Ringen bis auf die zweite Nachkommastelle. Denn auch die macht am Ende etliche Millionen für jede Seite aus. Daher muss jedes Angebot und jede Bedingung nicht nur mit der Gegenseite besprochen werden, sondern auch mit den eigenen Leuten. Das kostet Zeit.

Quelle: Carsten Dierig - Die Welt

www.welt.de/wirtschaft/article175249453/Wesco-Chef-Neuhaus-Die-Gewerkschaften-werden-aggressiver.html