"Der Sprengstoff steckt in der Arbeitszeit"

Dr. Luitwin Mallmann im Interview mit der Neuen Westfälischen

14.11.2017

Interview: Luitwin Mallmann ist Hauptgeschäftsführer des Verbands Metall NRW. Er erwartet eine schwierige Tarifrunde mit Warnstreiks nach den Weihnachtsferien

Herr Mallmann, die Metall- und Elektroindustrie steht unmittelbar vor der nächsten Tarifrunde. Wie schwer wird die?
Luitwin Mallmann:
Sie wird schwierig. Diese Aussage stimmt natürlich immer. Aber diesmal ganz besonders. Die Gewerkschaft fordert sechs Prozent mehr Lohn und eine Arbeitszeit, die auf 28 Stunden reduziert werden kann. Das kann man getrennt fordern, aber am Ende kommt da zu viel zusammen.

Die Forderung nach sechs Prozent macht Ihnen weniger aus?
Mallmann:
Natürlich machen mir eine Forderung von sechs Prozent mehr Lohn große Sorgen. Aber der eigentliche Sprengstoff steckt in der Arbeitszeit.

Also geht es um die 28 Stunden?
Mallmann:
Ja. Weil nicht erkennbar ist, wie die Gewerkschaft sich das vorstellt. Es wird schwer, da einen Ansatzpunkt zu finden. Zumal die Gewerkschaft nicht nur einen Einstieg in die 28-Stunden-Woche fordert, sondern auch noch einen Aufschlag für nicht geleistete Arbeit.

Was ist das denn?
Mallmann:
Klar ist ja, dass bei einer Verkürzung der Arbeitszeit auch der Lohn proportional gekürzt wird. Zusätzlich stellt sich die Gewerkschaft aber auch vor, dass es einen Entgeltaufschlag gibt, damit die normale Minderung nicht so hoch ausfällt. Und diesen Aufschlag soll der Arbeitgeber zahlen. Dann gäbe es Geld für nicht geleistete Arbeit. Das ist eine Zumutung, die das gesamte Lohngefüge durcheinander bringt. Noch schlimmer: Wer von Anfang an 28 Stunden gearbeitet hat, hätte keinen Aufschlag zu erwarten. Das verstieße aber gegen den Gleichbehandlungsgrundsatz. Die Geschichte ist also nicht zu Ende gedacht.

Und wenn die Mitarbeiter reihenweise die 28-Stunden-Woche wollen?
Mallmann:
Das wird schwierig, nicht nur in kleineren Betrieben. Wir hätten dann erheblichen Bedarf an befristeten Ersatzkräften. Und das in einer Zeit, in der der Fachkräftemangel das beherrschende Thema ist.

Aber die Wirtschaft läuft doch gigantisch gut.
Mallmann:
Die Wirtschaft läuft solide. Das wird voraussichtlich noch im kommenden Jahr so sein. Aber wir müssen auch das politische und sonstige Umfeld sehen. Wir haben 2008 erlebt, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Aus einer Finanzkrise an der Wall Street wurde über Nacht die schwerste Wirtschaftskrise nach dem Krieg. Ein kräftiger Schluck aus der Pulle kann dann schnell der Schluck zu viel sein.

Was ist mit der Metall- und Elektro-Industrie?
Mallmann:
Dem Durchschnitt geht es gut. Aber es gibt auch Bereiche, die im Schatten laufen. Und auch für die muss ein Tarifabschluss handhabbar sein.

Weil sie sonst aus der Tarifgemeinschaft aussteigen?
Mallmann:
Ein unverantwortlich hoher Abschluss löst immer eine Absetzbewegung aus. Die kann zur Gefahr für den Flächentarifvertrag werden. Das weiß die IG Metall auch.

Und dann?
Mallmann:
Wenn wir insbesondere den Mittelstand an den Flächentarif binden wollen, müssen wir moderne Verträge vereinbaren. Ich denke etwa an Öffnungen für ertragsabhängige Entgeltbestandteile. Dann würden Teile des Lohns mit der Firmenkonjunktur atmen – und zwar nicht nur nach unten, sondern auch nach oben.

Ohne Streiks wird es aber wohl nicht abgehen.
Mallmann:
Die Tarifverhandlungen beginnen am 16. November. Wir müssen wohl davon ausgehen, dass die ersten Warnstreiks nach den Weihnachtsferien beginnen, obwohl wir dann immer noch in den Verhandlungen stehen.

 

Autor: Stefan Schelp

Quelle: Neue Westfälische - www.nw.de/nachrichten/wirtschaft/wirtschaftsnewsletter/21972977_Der-Sprengstoff-steckt-in-der-Arbeitszeit.html